Mein Tanzkurs und weshalb jeder mal einen machen sollte

Für alle, die schon immer einmal überlegt haben, einen Tanzkurs anzufangen, ist dieser Artikel genau das richtige. Ich habe vor knapp drei Monaten mit Forró [gesprochen: Foho] begonnen. Wie ihr wahrscheinlich auch, habe ich noch nie etwas von Forró gehört und bin nur durch Zufall auf den Kurs gekommen. Es ist ein brasilianischer Paartanz, der zumindest als Frau relativ leicht zu erlernen ist. Aber der Tanz an sich ist eher zweitrangig. Ich finde es viel spannender, was so ein Tanzkurs mit einem macht.

Was bei einem Tanzkurs Passiert

Ihr müsst euch folgendes vorstellen, wenn ihr noch nie bei einem Kurs wart:

Man…

  • tanzt sehr nah mit einer Person, die man nicht kennt
  • tanzt in einer Stunde mit verschiedenen Menschen, die einen komplett unterschiedlichen Stil haben und auf die man sich immer neu einstellen muss.
  • muss sich als Frau führen lassen, ohne Wenn und Aber. Zwei Leute, die bei einer freien Choreografie gleichzeitig denken und sich die nächsten Schritte überlegen, ergeben, dass beide aus dem Takt kommen.

Die Punkte sind alle so simple und eigentlich offensichtlich, aber ich muss ständig darüber nachdenken. Erstens, man muss sich immer wieder auf neue Leute bzw. Tanzpartner einstellen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie unterschiedliche Menschen ein 1-2-3-Pause interpretieren können. Manche führen stark, manche wissen gar nicht, wie sie die Tanzpartnerin überhaupt halten sollen. Die einen machen große Schritte, die anderen tippeln auf einer Fläche von gefühlt 10cm² vor sich hin. Die einen können die Schritte sofort, die andere müssen sie zehn Mal machen, bevor sie sitzen. Die Liste ist unendlich.

Zweites, sein Gehirn auszuschalten und sich bedingungslos führen lassen. In der dritten oder vierten Stunde kam der Tanzlehrer zu mir und hat mit mir bewusst aus dem Takt getanzt. So hat er mir gezeigt, dass ich den nächsten Schritt versuche zu antizipieren. Ich setze die Schritte an, bevor ich überhaupt das Signal bekommen habe, wo es hingeht. Das Problem ist, dass man in einer Tanzstunde weiß, welche die Schrittfolge ist, die man gerade gezeigt bekommen hat. Aber im freien Tanz kann man als Frau nicht wissen, welche Figur sich der Mann als nächstes überlegt hat. Wenn man dann einen bestimmten Schritt machen will, der Mann sich aber was anderes überlegt hat, tretet man sich wahrscheinlich auf die Füße.

Eine Welt für sich

Die ganze Atmosphäre ist eine so andere Welt. Ich bin wirklich irritiert und fasziniert zu gleich. Die Frau wird zum Tanz gebeten, es wird sich nach dem Tanz bei ihr bedankt. Sie steht im Mittelpunkt obwohl der Mann die entscheidende Arbeit macht. Das ist eine Konstellation, die in Deutschland total ungewohnt ist. Ich bin nicht mehr so erzogen worden. Allerdings habe ich zwei Jahre in Mexiko gelebt, und da ist der Paartanz die perfekte Analogie zu Partnerschaften, wie wahrscheinlich in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern. Die Frau ist die Prinzessin, aber der Mann gibt den Ton an. Das hört sich total negativ an, ist aber nicht per se so gemeint.

Ich kenne wirklich viele Frauen von meiner Uni, die in Mexiko geblieben oder nach einer gewissen Zeit in Deutschland wieder nach Mexiko zurückgekehrt sind. Ebenso übrigens auch Männer, die zurück zu ihren mexikanischen Freundinnen gegangen sind. Diese klassische Rollenverteilung scheint für viele ihren Reiz zu haben und auf das Tanzen bezogen, kann es auch gar nicht anders funktionieren. Einer führt und der andere passt sich dem an. Ich sage absichtlich einer, weil wir vielleicht irgendwann an den Punkt kommen, wo die Frau führt. Ha, da musstet ihr jetzt beim Lesen auch alle lachen! Okay, in fünf Generation vielleicht, aber witzig ist die Vorstellung trotzdem.

Die Rollenverteilung

Die Frage ist, ob so eine Rollenverteilung einer Beziehung gut tut. Ohne die ganzen Kontraargumente jetzt aufzuführen, ist es Fakt, dass wir uns über sowas in Deutschland keine Gedanken mehr machen müssen. Die Rahmenbedingungen sind gar nicht mehr gegeben, dass eine Frau sich von einem Mann abhängig macht und sich dann auch noch sorglos auf diese Abhängigkeit verlassen kann. Allerdings wissen viele nicht hundertprozentig, wie sie fernab dieser klassischen Rollenverteilung ihr Leben ordnen wollen. Dass sich Millennials zu lateinamerikanischen Traditionen hingezogen fühlen, ist für mich nach zwei Jahren Mexiko zumindest nachvollziehbar. In einer gewissen Weise sind die Regeln dort einfacher. Da gibt es kein, darf ich ihr jetzt die Tür aufhalten oder fühlt sie sich dann in ihrer Selbstständigkeit gekränkt. Oder die Steigerung davon: wieso soll ich ihr denn die Tür aufhalten, das kann sie ja wohl alleine.

Als Fazit: Einfach mal genießen

Aber zurück zum Tanzkurs. Wie schon gesagt, es ist eine kleine perfekte Welt für sich. Latinos sind, oder wirken zumindest, konstant sorgenfrei. Männer wie Frauen haben immer ein Lächeln auf den Lippen. Ich bekomme immer noch gesagt, dass ich aufhören soll, auf meine Füße zu gucken und einfach mal Spaß habe. Es geht nicht um die perfekten Schritte und die perfekte Ausführung. Genau das muss ich immer noch lernen und ich finde es die wichtigste Lektion. Ich war jetzt schon auf mehreren kleinen Tanzpartys wo man sich einfach mit zehn oder fünfzehn Leuten trifft, Musik hört, quatscht und tanzt und es ist wirklich einfach alles herrlich entspannt. Ich bin mir sicher, dass sich das nicht für jeden verlockend anhört. Aber eine Stunde pro Woche kann ich jedem empfehlen, mal in so eine Welt abzutauchen, sei es Tanzkurs in Salsa, Tango oder halt Forró.

 

 

 

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